Phillippa Dampfn

Ich bin 39 Jahre alt, weiblich und ledig. Gesetzestreue war mir schon immer wichtig, deshalb waren und sind Kriminalität sowie Drogen für mich noch nie eine Option.
Krankheitsbedingt bin ich nicht mehr in der Lage meinen Beruf auszuüben.
Bereits mit 18 habe ich angefangen zu rauchen. Meistens blieb es bei einer Schachtel täglich, in Spitzenzeiten auch zwei Schachteln täglich, das variierte von meinem Alter, meiner emotionalen, als auch meiner wirtschaftlichen Situation.
Selbst nach einer postoperativen schweren Lungenembolie konnte ich das Rauchen nach vier Wochen Horrorzeit auf der Intensivstation nicht aufgeben. Aber gute 20 Jahre lang blieb es bei durchschnittlich 10 Zigaretten täglich. Immer hatte ich das Gefühl, ich würde auf etwas verzichten, nachdem ich mich verzehrte. Und nichts nahm mir den Wunsch nach einer erlösenden, wohlschmeckenden, mich ganz und gar ausfüllenden Zigarette. Die allgegenwärtige, in die Seele eingebrannte Vorstellung dieser mächtigen Wolke, die nicht nur im Sommer die Mücken und Wespen vertreibt, sondern in einem Atemzug allen Stress und Ballast, der von einem Besitz ergriffen hatte, umhüllen, umzingeln, einfangen kann und mit dem Ausatmen wegträgt.
Für mich war immer ganz klar, ich werde nie aufhören zu rauchen, einfach weil es mir viel zu sehr gefällt, weil ich dieses Gefühl brauchte.
Ob es irgendeinen anderen störte war mir genauso egal, als ob sich ein Vegetarier über den Verzehr meines Schnitzelweckens beschwerte.
Nach einem weiteren mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt stand 2012 fest, dass ich eine Umschulung benötige. Da ja nicht gleich jeder "Hier!" schreit, wenn es darum geht, wer diese bezahlen soll, war dies der Anfang eines bis dato andauernden Rechtsstreits.
Somit war es wohl unvermeidbar, dass ich dazu gezwungen bin, von ALG II zu leben.
Was für eine Schmach! Theoretisch der denkbar günstigste Zeitpunkt mit dem Rauchen aufzuhören, wenn man sich es nicht mehr leisten kann.
Praktisch ist die Hoffnung, der Selbsterhaltungswille als auch das Selbstbewusstsein genau gleichzeitig abhanden gekommen, was jedoch unverzichtbar ist, um einen Entzug erfolgreich durchzuziehen.

Also, dachte ich mir, wie kann ich meine Nikotinsucht so billig wie möglich befriedigen so lange, bis ich wieder einen richtigen Job habe, um mir wieder "meine Marlboro lights" zu kaufen. Nikotinpflaster, -dragees etc. habe ich von Anfang an ausgeschlossen. Erstens weil sie viiiiieeeel zu teuer sind und zweitens weil ich ja das Gefühl des Inhalierens von etwas Spürbarerem als blanke Luft unbedingt brauchte. Ich wusste, dass es nur das war, was mich befriedigen konnte.
Also kaufte ich mir Tabak zum selber drehen. Ekelhaftes Zeug. Es schmeckte nach Tierexkrementen und fühlte sich an wie Glaswolle. Nach drei Monaten pfiff meine Lunge aus dem letzten Loch. Da ich die Öffentlichkeit scheute, verbrachte ich also den ganzen Tag daheim und war erschlagen von dem widerlichen Gestank morgens, wenn ich ins Wohnzimmer kam (ich habe immer nur im Wohnzimmer geraucht). Als ich noch arbeitete, war ich täglich 14 Stunden berufstätig im Schichtdienst außer Haus und nach Feierabend wollte ich bloß noch etwas essen, danach ein Kippchen oder zwei und ab ins Bett.

Das war jetzt was anderes. Den ganzen Tag rauchend vor dem PC war wie in einem riesigen Aschenbecher zu leben. Selbst die Glasscheibe meines Röhrenfernsehers musste ich mit dem Reibeschwamm vom Nikotinschleier befreien. Da konnte ich auch noch so lüften und Duftkerzen anzünden, es fühlte sich immer an, als ob man sich bloß ein Deo unter die Achseln schmieren würde, anstatt ordentlich zu duschen.
Also habe ich gegoogelt "billiger Ersatz für Zigaretten" und durch die Artikel kam ich sofort auf den Begriff eZigarette. Da dachte ich cool, so ein Starterset kostet 50,- €, sogar weniger als eine Stange "normale Kippen". Ich muss es also nur einen Monat durchhalten, dann habe ich finanziell keinen Verlust gemacht und wenn es nix ist, kann ich das Starterset immer noch wegschmeißen, das hätte ich ja mit richtigen Zigaretten auch gemacht. Also habe ich mir dazu ein Liquid mit Kaffee-Geschmack gekauft. Nach tollen Tipps auf YouTube von Philgood habe ich eines ausgewählt, das mit 9mg/ml Nikotingehalt 3mg stärker war als meine Marlboro lights mit 6mg.
Solange ich auf meine Bestellung gewartet habe, habe ich mich weiter im Internet belesen und war skeptisch gegenüber Aussagen wie "Endlich Nichtraucher, dank eZigarette" Ich dachte, ob Rauch oder Dampf ist doch wurscht, wie die Wolke das Nikotin in meine Lunge bringt. Schließlich würde ich mich auch wie ein Junkie fühlen, wenn ich es nötig hätte, mir irgendein Vitaminpräparat in die Armbeuge zu spritzen.
Manche verglichen die eZigarette mit einer Shisha und somit mit einer Art Bong mit der man den Haschisch Konsum betreibt. Ich war entsetzt. Oh mein Gott. Mit dem bestellten Starterset darf ich also nur zuhause bleiben, damit mich ja keiner für einen Kiffer hält. Super. Wieder andere schrieben, wie wohl sie sich fühlten seit dem sie nicht mehr rauchten und ich dachte an die Werbeslogans wenn Fliegengewichte wenig glaubhaft in die Kamera trällern, wie total leicht sie es geschafft hätten 100 000 Kilo abzunehmen ohne Sport und Hungern nur mittels Wunderpille oder -säftle. Ja ne, is klar.
Außerdem las ich, dass statistisch gesehen, kaum ein Raucher über das erste halbe Jahr ohne Rückfall kommt, geschweige denn ein ganzes Jahr schafft.
Wie gesagt, ich wollte nie mit Rauchen aufhören, sondern nur zeitweilig Geld sparen.

Am 17. März letzten Jahres war es dann soweit. Ich stand gegen 10 Uhr auf und das Paket mit meinem Starterset lag schon im Briefkasten. Ich baute alles zusammen und hielt mich an die Bedienungsanleitung der EVOD 2. Da man das mit Watte befüllte Heizelement erst mit dem Liquid, das man verdampfen will, einwirken lassen muss, wurde es immer spannender und ich immer ungeduldiger, weil der Ekel für den kalten Rauch vom Vorabend immer mehr dem Drang nach einer frischen Portion Qualm wich.
Nach einer halben Stunde Einwirkzeit (sicher ist sicher) probierte ich meinen ersten Zug und war erstaunt. Sofort beim ersten Zug ließ das quängelige Gefühl nach einer Zigarette nach und ich schmeckte dazu noch lecker frisch gerösteten Kaffee. Ich konnte es gar nicht fassen und zog immer wieder daran, wie an einer Zigarette. Neben dem Computerbildschirm lag immer eine geöffnete letzte Schachtel von besonders leckeren und exklusiven Menthol Zigaretten aus der Schweiz, die ich mir nur zu besonderen Anlässen gönnte. In dieser Schachtel war nur noch eine einzige Zigarette übriggeblieben. Sie schien mir verführerisch zuzuzwinkern und zu sagen "Komm, leg das Spielzeug weg, wir wissen beide, dass nichts besser ist als ich" Und ich dachte "Stimmt. Aber nicht jetzt. Wenn ich den Testmonat durchgehalten hab und ich mich nicht dauerhaft an den Billigersatz gewöhnt habe, dann feiern wir mit dieser "One-and-Only-Zigarette" dass ich wenigstens diesen Monat durchgehalten habe."
Also nuckelte ich den ganzen Tag an der Evod aus Angst rückfällig zu werden und doch zum Tabak zu greifen. Ich verbrachte viel Zeit am PC mit Videos schauen rund um das Thema Dampfen. Immer wieder, wenn ich aus dem Wohnzimmer raus wieder rein kam, freute ich mich, dass es nicht stank. Und ich entspannte mich immer mehr wie ein Nichtschwimmer, der schwimmen gelernt hat und sich immer mehr traut vom rettenden Beckenrand weg zu schwimmen. Ich merkte, wie toll es ist, dass man die Zimmertüren offen lassen kann. Also schrubbte ich die ganze Bude mit Meister Propper Zitruskraft und freute mich abends, dass es immer noch nach Zitrone duftete.
Also statt Deo endlich ordentlich geduscht, freu. Ich habe in der ersten Nacht die Dampfe noch mitgenommen ins Schlafzimmer, weil ich Angst hatte, dass ich vielleicht Nachts aufwache mit dem Drang nach einer Zigarette. Von wegen. Ich habe wundervoll durchgeschlafen und bin erholt und ausgeruht ohne fauligen Gestank im Mund am nächsten Morgen voller Tatendrang aufgewacht. Ich konnte am PC Widersprüche. Anträge, Briefe verfassen, ohne von diesem Drang nach einer Raucherpause unterbrochen zu werden. In einer Gedankenpause zog ich mal schnell an der Dampfe und freute mich, dass ich einen Gedanken gleich schriftlich verarbeiten konnte, ohne noch fertig rauchen zu müssen. Keine herumfliegende Asche, die man von wichtigem Schriftwechsel fern halten musste. Wie praktisch. Auf einmal war alles abgearbeitet und ich war so stolz auf mich. Allerdings wunderte ich mich, wo der Drang nach einer "richtigen Zigarette" blieb. Er war nicht da. Und ich wartete drei Tage und er kam einfach nicht. Das beunruhigte mich, weil ich fand, dass man nur stolz auf sich sein kann, etwas durchzuhalten, wenn man auch etwas durchgehalten hat. Hab ich aber nicht. War ja im Gegenteil richtig toll und ich vermisste die Zigaretten gar nicht. Die One-and-Only flog in Schrank, weil sie mich am PC plötzlich störte, zumal sie nach nur drei Tagen so verführerisch war wie schales Bier. Nur gedanklich musste ich mich maßregeln. Der Begriff "richtige Zigarette" störte mich sehr und ich beschloss, sobald ich diesen Gedanken hatte, sofort laut auszusprechen "eine andere Zigarette" und mir sofort die Vorteile laut aufzuzählen und mir die Zeit nahm dieses Wohlbefinden auch bewusst zu spüren. Ich wusste, ich musste nur eingefahrene gewohnte Gedanken neu bedenken. Ich meine, ich kann nicht vor einem Salatteller sitzen und mir versuchen einzureden, dass er leckerer ist als ne Pizza, weil ich einfach nicht so empfinde. Aber Kaffeegeschmack im Mund zu haben und dabei die Lust auf eine Zigarette zu verlieren war ja obwohl ich nicht verstanden habe wieso, eindeutig der Fall. Daran musste ich mich einfach öfters erinnern. Dann kam das Wochenende und ich war bei meinen Eltern zum Mittagessen eingeladen, was hieß, nach dem Essen mit lauter Rauchern als einziges "Alien" auf dem Balkon zu sitzen. Da war die Versuchung da. Jeder wollte mich bekehren, nicht mal aus Bösartigkeit sondern eher aus Mitleid, wenn ich mir keine gescheiten Kippen leisten kann dürfe ich gerne von ihnen rauchen. Supi. Da hab ich mich geärgert, weil ich da zum ersten Mal echt kurz davor war, schwach zu werden und der Gedanke da war. Supi, Kippen für lau und wenn du daheim bist, kannst du ja wieder sparen. Aber dann hab ich gewusst, wenn ich jetzt einem alten Verhaltensschema nachgebe, ohne etwas Besseres sondern nur etwas Gewohntes zu wählen, werde ich immer das Gefühl haben, ich gebe mich mit meiner Dampfe nur zufrieden, weil ich ja die erstrebenswerte richtige Zigarette nicht haben kann. Und das hat mir gestunken. Also hab ich ein Machtwort gesprochen, es sollen mich alle in Ruhe lassen, denn ich rauche ja mit, meine Kippe sieht nur anders aus. Und wenn's nichts anderes zu bequatschen gäbe, ginge ich heim. Das saß und das Thema war vom Tisch.

Der Sommer kam und mein Kaffeeliquid neigte sich dem Ende zu. Andere Dampfer hatten so ein 30ml Fläschchen spätestens nach einem Monat leer. Bei mir hielt sie bereits drei Monate.
Also dachte ich mir, dass ich das nächste Liquid mit nur noch 6mg/ml Nikotin bestelle. Mittlerweile waren die Verschleißteile meiner Dampfe aufgebraucht und eine Bestellung der Verdampferköpfe wurde fällig. Da machte mein Fernseher plötzlich Puff und gab qualmend den Geist auf. Da habe ich mir ausgerechnet, dass ich in diesen drei rauchfreien Monaten rund 200€ gespart hatte und wenn ich noch ein halbes Jahr Zigarettenentzug durchhielt, wäre für dieses Geld ein neuer cooler Smart TV drin. Wie dekadent. Halte ich das wirklich durch, wenn es an jeder Ecke Alkohol zum Grillen dazu gibt, ist vielleicht die Willensstärke doch nicht so stark? Denn eines war klar, wenn ich so viel Geld für so was unnötiges wie einen Fernseher in meiner Situation ausgebe, dann stelle ich ihn bestimmt nicht in einen Wohnaschenbecher. Vielleicht brauchte ich auch nur eine neue Herausforderung um weiter standhaft zu bleiben. Jedenfalls habe ich mir die luxuriöseste Anschaffung meines Lebens gemacht und bereue es bis heute nicht. Ich habe zwar Situationen bewusst gemieden, in denen ich früher gerne zur Zigarette gegriffen habe. Die Angst davor blieb trotzdem.
Nun, mein Bruder zog mit seiner Freundin zusammen und ich war eingeladen zur Einweihungsparty. Ich ging gerne hin und alle hatten sich schon daran gewöhnt, dass ich nicht mitrauche. Ich gönnte mir nach dem Essen einen hervorragenden Hugo und da war er plötzlich, der Gedanke "Und jetzt ein schönes Kippchen" Verdammte Axt! Wie der Teufel lauerte dieser Gedanke hinter der Ecke nur um in einem schwachen Moment zuzuschlagen. Ich griff nach meiner Dampfe und hatte Angst, was wenn der Gedanke nicht wieder abhaut, wenn ich an der Dampfe gezogen habe. Und im Gegenteil stärker wird und mich übermannt, hier kann ich nicht einfach aufstehen und gehen, ich bin im Auto meiner Eltern hergekommen. Außerdem würde ich damit meinen Bruder vor den Kopf stoßen, wenn ich einfach abhaue. Zumal es ja auch keine Lösung sein kann, zu fliehen, sobald mal was nicht nach Plan läuft. Ein Blitzgedanke, den ich hatte, während ich an meiner Dampfe zog. Und das Gelüst war weg. Einfach verpufft. Wie ein Ex-Partner, von dem man sich nach einer miesen Beziehung getrennt hat und der plötzlich am Gartenzaun stand und einen rüber winkte, während man mit dem neuen Partner eine glückliche Beziehung hat.
Der Rest des Grillabends lief entspannt und schön, ohne weitere Gedanken ums Rauchen.
Selbst einen Tag später, als ich die Situation nochmal reflektiert habe, wurde ich zuversichtlicher, dass falls mich doch nochmal so ein Blitzgedanke trifft, er einfach zu vertreiben ist mit einem Zug aus der Dampfe.
Ca. vier Wochen später hat mir das Sozialamt ohne Begründung einfach die Heizung nicht bezahlt. Ich wusste nicht, wie ich die Gasrechnung bezahlen sollte, von meiner Waschmaschine ist beim Schleudern plötzlich die Trommel aus dem Kugellager gesprungen und hat im Badezimmer alles zusammengeschlagen. Außerdem wurde nun endlich ein medizinisches Gutachten angesetzt, zudem ich gerne gewaschen und in sauberer Kleidung erscheinen wollte. Ich war mit den Nerven am Ende und habe mir zum ersten Mal ernsthaft überlegt, dass der einzige Ausweg der ist, meinem Leben ein Ende zu bereiten, dass ich diese gottverdammte staatliche Willkür nicht länger ertrage. Ich habe es nicht getan. Weder meines noch das Leben eines anderen habe ich beendet. Ich habe mich auch nicht betrunken oder in sonstigen Drogen Entlastung gesucht. Ich habe auch keine Zigarette geraucht. Aber das wurde mir erst Tage später bewusst.

Eine Woche später starb meine Lieblingstante. Sie war mir sehr wichtig, war in meiner Kindheit täglich zu Besuch und seit sie vor Jahren ein Pflegefall wurde, ging ich mit meiner Cousine mehrmals die Woche zu ihr um nach ihr zu sehen. Mal war sie im Pflegeheim, mal im Krankenhaus. Oft gaben die Ärzte ihr nicht mehr lang zu leben. Doch jedes Mal rappelte sie sich wieder auf. Eine unglaublich starke, widerborstige Frau, die wie ein Piratenkapitän stolz laut schimpfend, saufend und vor allem kette rauchend jede Klippe umsegelte, die ihr die stürmische See des Lebens entgegen bot. Sie hat mir beigebracht, als Frau unabhängig und selbstbewusst mit hocherhobener Faust den Widrigkeiten des Lebens zu trotzen.
Im Hospiz hatte sie unerwartet wenige Tage vor ihrem Tod einen lichten Tag. Sie lag im Bett, angeschlossen an ein Beatmungsgerät. Als ich in das Zimmer kam, öffnete sie die Augen, freute sich, mich zu sehen und begrüßte mich mit den Worten: „Hallo, schön dass du da bist, komm gehen wir ein rauchen.“ Ich musste so lachen, weil ich mich freute, dass sie die Augen aufgemacht hat und dazu hat sie mich auch noch erkannt! Und trotz Beatmungsgerät war ihr Ziel klar die Zigarette. Immer, wenn sie im Krankenhaus war und sie eine rauchen wollte, war meine Antwort, dass ich sofort eine mit ihr rauchen würde, sie müsse es bloß aus diesem blöden Krankenhaus in die Raucherecke schaffen, dann gebe ich ihr eine aus. Und dass ich diesen Satz nochmal von ihr hören würde, hätte ich nicht gedacht. Ich habe sie angegrinst und gesagt, dass ich sofort eine mit ihr rauchen gehe, sie müsse bloß dieses blöde Beatmungsgerät loswerden. Sie schaute enttäuscht sagte ok und schloss die Augen. Sie starb zwar nicht an diesem Tag, dennoch war es das Letzte, das ich mit ihr gesprochen hatte.
An der Beerdigung wollten meine Tränen und meine Nase nicht aufhören zu laufen und ich habe mir ernsthaft überlegt, ob ich nicht an ihrem letzten Gang eine letzte Zigarette ihr zu Ehren rauchen soll. Ich habe es nicht getan. Ihren letzten Wunsch konnte ich ihr nicht erfüllen, dann kann ich es wenn sie tot ist, auch sein lassen.

Wir haben mittlerweile den 10. Januar 2016. Ich habe mir vorgenommen, erst ab dem 17. März 2016 von mir als Nichtraucher zu sprechen und mich auch als solchen wahrzunehmen.
Immerhin habe ich dann am 16.03.2015 das letzte mal an einer Zigarette gezogen. Erst habe ich mich trotzdem als Raucher gefühlt, seit dem Tod meiner Tante nur noch als Nikotinabhängige. Dabei kann ich mich nicht einmal mehr daran erinnern, wie es war, die letzte Kippe zu rauchen. Verrückt, oder? Wie kann einem etwas entfallen, was einmal so wichtig war? Die ersten zwei Wochen hatte ich Verstopfung und in den ersten vier Wochen einen lästigen Reizhusten. Die Lunge brauchte ungefähr ein halbes Jahr, bis sie aufhörte mit Pfeifen. So scharf essen kann ich bis heute nicht mehr so wie früher, ohne dass der Mund sofort brennt. Dafür ist durch denn Liquid Sweetener meine Lust auf Süßes fast verschwunden, was meiner Figur auch nicht schadet.
Da das Starterset aus zwei eZigaretten bestand, habe ich mittlerweile eine mit einem 4mg/ml nikotinhaltigem fruchtigem Liquid und die andere mit einem nikotinlosen Kaffee-Liquid gefüllt.
Die Kaffee-Dampfe steht am PC und die Frucht-Dampfe ist in der Jacke an der Garderobe, wenn ich mal rausgehe.

Ich dampfe immer weniger, einfach weil ich es vergesse. Auch wenn ich mal aufgewühlt bin und mein Geist nicht Herr meiner Gefühle ist, griff ich nie zurück zum Glimmstengel. Dieser panische Gedanke ""Ich brauch JETZT ne Kippe!" ist und blieb auch in extrem belastenden Umständen weg. Es verführt mich nichts mehr, wenn ich unter meiner rauchenden Verwandtschaft bin, obwohl ich dann zugegebener Maßen mehr dampfe. Vielleicht meine ich das auch bloß nur. Wenn sie zu nah auf mir drauf stehen und mir den Rauch ins Gesicht pusten, bleibt mir der Atem weg und das stört mich dann, weil ich das nicht mehr gewohnt bin. Dann beschwere ich mich und sofort erhalte ich mehr Freiraum.
Fakt ist, dass dieses süchtige Verlangen aufgehört hat und nicht mehr da zu sein scheint. Ich kann nicht sagen wann genau oder wie oder warum, aber es hat funktioniert. So richtig easy von einem Tag auf den anderen. Das einzig Anstrengende war, die Angst vor dem Zigarettenheißhunger, den jeder Raucher kennt, den ich aber einfach seit einem Jahr nicht mehr hatte.
Ich bin viel entspannter als Dampfer. Früher habe ich überall Zigaretten-Schachteln gebunkert, aus Angst vor schlechten Zeiten. Und gleich drei Feuerzeuge, falls das Reserve-Feuerzeug nicht brennt, wenn das erste abhanden gekommen ist. Meine Tabakvorräte, Aschenbecher und coolsten Feuerzeuge habe ich ohne Panikattacke bereits an meine Verwandtschaft verschenkt. Übriggeblieben ist nur die One-and-Only mit dem dazugehörigen Mixery-Feuerzeug im Schrank. Es bringt mich zum Lächeln, wenn ich weiß, dass ich könnte, wenn ich wollte. Aber ich will nicht. Das ist gut so. Es gibt mir das Gefühl von selbstbestimmtem und unabhängigem Leben. Das brauche ich auch um das Martyrium weiter durchzustehen. Nicht wie ein Pirat wie meine Tante aber dennoch wie ein Kapitän mit Stil auf dem eigenen Schiff. Aber gut zu wissen, dass man könnte, wenn man wollte. Aber ich muss nicht 🙂