Markus Schmidt

Offener Brief an die Europäische Union

Sehr geehrte Volksvertreterinnen und Volksvertreter der EU,

da es unbestreitbar in der menschlichen Natur liegt, das uns Homo sapiens Einzelschicksale mehr erreichen als Massenschicksale oder gar Zahlen habe ich mich entschlossen Ihnen das Meinige -konkret: mein Weg zum und mein jetziges Dasein als ‚Dampfer‘- zu schildern.

Ich bin ein erwachsener Mann mittleren Alters. Mündig. Weder besonders dumm, noch besonders schlau. Ein nützliches Mitglied der Gesellschaft und braver Steuerzahler.

Trotz aller Warnung habe ich mit sechzehn Jahren angefangen zu rauchen. Viele, viele Jahre lang.

Durch ein sehr einschneidendes privates Ereignis vor gut zehn Jahren habe ich von einer Sekunde auf die andere aufgehört zu rauchen. Es funktionierte einfach. Das Trauma löschte alle meine Rauchgewohnheiten und -gelüste. Von jetzt auf nanu. Ich begann ausgiebig Sport zu treiben, lief Marathon, wurde zum Triathleten. In der Tat sogar zu einem überdurchschnittlichen Athleten meiner Altersklasse! Ich lernte meinen Körper in jeder noch so kleinen Faser kennen. Weiß wie er funktioniert. Kenne seine Grenzen und Möglichkeiten.

Worauf ich hinaus will?

Ich möchte damit sagen, dass ich zu einem Experten geworden bin, äußere Einflüsse auf meinen Körper exakt einschätzen zu können. Fernab jeder Studien, (Pseudo-)wissenschaftlichen Abhandlungen und allgemeingültiger ‚Empfehlungen‘. Durch bloße Selbstbeobachtung.

Vor knapp vier Jahren dann habe ich an einem einzigen Tag meinen größten sportlichen Triumph errungen, und eine meiner größten privaten Niederlagen erlitten. Ich sah und überschritt die Ziellinie bei einem Ironman-Wettbewerb. Ich war erfolgreich 3,6 km geschwommen, radelte geschwind 180 km und lief danach noch jeden einzelnen der zweiundvierzig km des Marathons ins Ziel. Ich war überglücklich. So glücklich, dass ich mir bei der abendlichen Feier des Erreichten eine Zigarette ‚gönnte’…

Es dauerte keine zwei Wochen, bis ich mir meine erste eigene Schachtel kaufte und genau soviel verqualmte wie über zehn Jahre davor.

Anfangs bemerkte ich keinerlei körperliche Einbußen. Kein Leistungsknick. Nichts dergleichen keine Probleme. Ich fühlte mich sogar wahnsinnig cool, Sport auf diesem Niveau betreiben zu können und(!) zu rauchen.

Kein halbes Jahr später sah die Welt schon anders aus. Objektiv gesehen wurde ich -bei gleichem Trainingsaufwand- langsamer und langsamer. Subjektiv hatte ich deutliche Atemprobleme und ich neigte plötzlich zu Muskelkrämpfen. Dieses Symptome wurden mit der Zeit immer spürbarer.
Weitere kamen hinzu. Eben die üblichen Neben- (Haupt)wirkungen des Rauchens.

Meine Lunge fühlte sich nach zwei Jahren des Zigarettenrauchens an als würde sie nur noch mit halber Kraft fahren können. So wie ich auch nur mit halber Kraft schwimmen, radeln oder laufen konnte. Ich fühlte mich schlecht. Nicht nur beim Sport, sondern auch im Alltag.

Natürlich wusste ich woran dies liegt! Das Rauchen. Jeden Abend schwor ich davon ab und jeden Morgen vergaß ich den vorabendlichen Schwur.
Mir fehlte einfach die direkt spürbare persönliche Erfahrung wie ein Jahrzehnt zuvor. Und im Grunde wollte ich so etwas auch nicht noch einmal erleben…

Im vollen Bewusstsein der schon spürbaren Folgen qualmte ich weiter. Ich konnte es einfach nicht lassen. Trotz dieser deutlichen körperlichen und dadurch auch mentalen Einbußen!

Sackgasse. Tiefpunkt.

Vor einem 3/4 Jahr dann schritt ich bei einem Spaziergang an einem Fachgeschäft für ‚E-Zigaretten‘ vorbei. Blieb stehen. Schmiss meine Kippe weg, ging zurück und betrat den Laden.

Eine Evod und ein Liquid in der Hand später verließ ich den Laden und habe seitdem keinen einzigen Glimmstengel mehr in der Hand gehabt. Nicht mal daran gedacht.

In diesem 3/4 Jahr des Dampferdaseins habe ich meine Kurzatmigkeit nahezu komplett verloren. Bin wieder bei gefühlten 93% meiner Leistungsfähigkeit. Rieche und schmecke wieder etwas. Habe keinerlei Entzugserscheinungen, trotzdem ich von Anfangs 12 mg Nikotin bei nunmehr 3mg gelandet bin. Habe mehr über Physik und Chemie gelernt als in meiner gesamten Schulzeit incl. Studium zusammen. Habe meine Feinmotorik erheblich verbessert. Habe mtl. mehr Geld für das Dampfen ausgegeben als als Raucher. Habe etliche neue sehr nette Menschen kennengelernt. Und ich schlafe wieder sehr viel besser.

Nebenbei:
Meine subjektive Einschätzung wird durch die objektiven Laborergebnisse die zu meiner Person beim Arzt meines Vertrauens liegen zu 100% bestätigt.

Nachteilig fällt mir nur auf, dass ich ein wenig durstiger bin als vorher. Aber viel zu trinken ist ja nichts schlechtes.

Des Weiteren bereichert nun ab und zu ein ‚DryHit‘ mein Leben. Aber auch das ist zu verschmerzen.

Oder mich beschleichen kurzfristig üble Frustrationen, weil meine Feinmotorik doch noch zu wünschen übrig lässt und ich x Wicklungen hintereinander unbrauchbar in die Tonne treten kann.
Aber mit Frust umgehen zu können gehört wohl zum Leben dazu.

Natürlich ist mir bewusst, dass niemand irgendwelche Langzeitfolgen des Dampfens abzuschätzen vermag. Aber dies ist mir momentan auch nicht wichtig. Und das sollte es Dir auch sein liebe EU.

Denn falls es sie tatsächlich gibt, sterbe ich in zehn bis zwanzig Jahren evtl. an den Folgen des Dampfens und meiner atomisierten Lunge und ihr spart alle Folgekosten, die mein Altwerden so mit sich gebracht hätte. Und ich könnte in der Zeit dem frönen, was mir Spaß macht. Dampfen!

Gibt es keine Langzeitfolgen, kann ich noch lange leben und weiterhin brav meine Steuern bezahlen und meine Kinder unterstützen. Und ich könnte in der Zeit noch länger dem frönen, was mir Spaß macht. Dampfen!

Ich würde es gerne darauf ankommen lassen.

Mein monatliches Dampfbudget steht übrigens dem meines monatlichen Raucherbudgets in nichts nach, eher im Gegenteil! Also ist eure Angst ihr würdet Geld durch meinen Umstieg verlieren auch unbegründet.

Nehmt eure Verantwortung für die Minderjährigen wahr. Darum bitte ich Euch ausdrücklich. Aber lasst die Erwachsenen da raus. Schreibt mir bitte nichts vor. Zudem zeigt die Geschichte, dass Prohibition der falsche Weg ist. Und ich kann mich der Vermutung nicht erwehren, dass es Jugendliche noch mehr reizen würde, wenn es illegal wäre.

Ich bin jederzeit zu einem persönlichen Gespräch bereit und würde mich freuen, wenn meine Vita Sie neugierig gemacht hat sich auch mal mit einem echten Konsumenten auseinanderzusetzen.

Mit dampfenden Grüßen

Markus Schmidt